Letzte Änderung: 31.03.2012

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5. Ballerspiele
(Anregung: Ortwin Rave, e-mail:Ortwin_Rave@HP-Germany-om8.om.hp.com)
 

Ich muss gestehen, dass ich mir zu Anfang, als dieser Beschäftigungstypus aufkam, von einer Spielart mag ich nicht mehr sprechen, wenig Gedanken darüber gemacht habe. Auf meinem alten Schneider 464 hatte ich selbst sogar ein solches Programm und bin dabei mit glühendem Joystick auf Rekordjagd gegangen.
Was mich anfangs dazu veranlasste, diese Art von Beschäftigung nicht so negativ zu betrachten, lag in der Erinnerung an meine Jugendzeit.
Wir Jungen in unserer Straße und selbstverständlich auch die in der weiteren Nachbarschaft besaßen eine Armee aus Plastiksoldaten und Spielpanzern, kleinen Geschützen usw. Wir sind mit blutrünstigen Gedanken herumgelaufen und haben durchaus öfter bedauert, dass alles nicht “wirklich echt” sei. Trotzdem sind wir keine Militaristen geworden.
Ich habe das für die durchaus normale Entwicklung von Jungen gehalten. Salopp gesagt: Da tobt man sich aus, das macht man mal durch, und dann war es das auch. dann ist es abgeschlossen. Schließlich wird man vernünftiger.
Derart als Phase sah ich anfangs auch die Ballerei am Computer. Mittlerweile ordne ich das anders ein.

Was haben wir als Jungen nämlich wirklich gespielt? Wir haben Festungen gebaut, Straßen angelegt, kleine Bunker. Überall saßen unsere Plastikhelden in winzigen Schützengräben. Sogenanntes Schussfeld wurde planiert. Natürlich geschah das am besten draußen, und wir hatten das zusätzliche Glück, unsere Kindheit in einer Zeit zu erleben, als überall gebaut wurde und von daher überall Sandhaufen lagen, in denen und auf denen wir dann schöpferisch tätig sein konnten. Jeder baute sich sein System auf, immer im Gespräch, im Austausch mit den anderen, und wenn es fertig war, dann war es das dann auch. Oft wurde noch eine Parade abgehalten, man ließ seine Panzerchen die Sträßchen ausprobieren, begutachtete noch einmal die Nachbarfestungen, aber zu “kriegerischen Auseinandersetzungen” kam es im Grunde nicht.

Der Spielspaß bestand in Planung und Aufbau. Zudem konnten wir uns Zerstörung gar nicht leisten. Das Taschengeld verdiente damals die Bezeichnung nicht. Bares kam meist nur durch Hilfsdienste oder-arbeiten herein. So einen Panzer “kaputt zu machen” kam gar nicht in Frage. Denn er blieb ja in dem Zustand. Das war Erfahrung von Endlichkeit.

Diese Planphase und diese Erfahrung des Endgültigen fehlen heute in den Ballerprogrammen. Von daher meine Skepsis. Aber wie dem begegnen?
Natürlich gibt es auch Plan- und Aufbauspiele am Computer, aber die Jugend drückt nun einmal lieber auf den Knopf. Kein großes Nachdenken. Das Motto lautet: Ausprobieren. Nicht so sehr Logik, Reaktionsvermögen ist gefragt, wiewohl diese Prozeduren so simpel nicht sind. Sie dürfen nicht einfach unterschätzt werden.

Vielleicht benötigt man heute auch solche Art des Abreagierens. Wir sind derart reizüberflutet, dass das Wegschießen fast wie eine Befreiung erscheint. Darüber sollte man zumindest nachdenken.
Und diese Sandhaufen gibt es auch nicht mehr....
(J. Rave, 1999)

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