Letzte Änderung: 31.03.2012

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1. Leben des Galilei
(Referat: Elena Rave, 1995)
Inhalt
1. Brecht
2. Brechts Theatervorstellungen
3. Stückinhalt
4. Interpretation
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1. Brecht
Bert Brecht wird als Berthold Eugen Friedrich Brecht am 10.02. 1898 in Augsburg geboren. Das Elternhaus, ursprünglich im Schwarzwald beheimatet, ist bürgerlich und betucht, da der Vater als Direktor bei einer Papierfabrik arbeitet. Von der Konfession wächst der junge Brecht evangelisch auf. Das ist deshalb interessant, weil er später die Bibel als das Buch angibt, was ihn am meisten beeindruckt hat, obwohl er zu dem Zeitpunkt der Fragestellung schon dem Marxismus sehr nahe stand und insgesamt, wie der "Galilei" noch zeigen wird, sehr antikirchlich eingestellt ist.
Schulisch läuft Brecht den für seine Kreise typischen Werdegang. Nach der Volksschule kommt er 1908 auf das Realgymnasium seiner Heimatstadt, wo er dann 1917 das Abitur besteht. Beinahe aber wäre er vorher von der Schule geflogen, weil er mitten im Ersten Weltkrieg (1914-1918) einen Antikriegsaufsatz schreibt. Dessen Thema lautet: Dulce et decorum est pro patria mori. Brecht, schon zu dem Zeitpunkt sehr kritisch, findet nicht, daß es schön und süß sei, für das Vaterland zu sterben, und stellt den Spruch als Unwahrheit und Propaganda hin. Nur ein verständnisvoller Lehrer kann ihn vor dem Rausschmiß retten, indem er von einer "momentanen Verwirrung eines Schülerhirns" spricht.
Während seiner Schulzeit fängt Brecht schon an, Gedichte und kurze Geschichten zu schreiben. Diese veröffentlicht er allerdings unter einem Pseudonym in der Augsburger Tageszeitung.
Nach dem Abitur studiert er in München Medizin, obwohl er es gar nicht wirklich will. Auf diese Weise muß er aber bei seinem Einsatz im Krieg nur als Sanitäter im Lazarett arbeiten. Er hat aber auch einen Herzfehler, so daß er sowieso nicht an die Front gemußt hätte.
Brecht schreibt jetzt die ersten bekannteren Theaterstücke wie "Baal" und "Trommeln in der Nacht", ansonsten aber auch Gedichte, die selber in Wirtschaften und Cafés mit Gitarre vorträgt.
Nach dem Tod seiner Mutter wohnt er ab 1920 endgültig in München. Es zieht ihn aber mehrmals nach Berlin. Dort geht es ihm aber jeweils recht schlecht, und er leidet sogar an Unterernährung.
Allmählich aber werden die ersten seiner Stücke gedruckt und gespielt, und er bekommt Jobs beim Theater, teilweise noch in München. Da seine Stücke sehr kritisch sind, wird er oft angefeindet. 1924 zieht er dann endgültig nach Berlin. Er kann jetzt langsam von seiner Arbeit leben. Er heiratet auch die Schauspielerin Marianne Zoff, von der er ein Kind hat. 1927 wird die Ehe schon wieder geschieden.
Brecht versucht jetzt seinen eigenen, einen typischen Stil zu finden. Er legt sich eine Art Uniform im Aussehen zu. Man sieht ihn auf vielen Bildern mit dem kurzen Haarschnitt, der Nickelbrille, einer Lederjacke und Ledermütze. Wichtiger ist aber die Arbeit an seiner Idee, wie Theater sein soll. Dazu experimentiert er am liebsten. Seine Stücke sind nie ganz fertig. Auch vom "Galilei" gibt es verschiedene Fassungen. Brecht probiert immer aus, welche Wirkung ein Stück hat. Er beschäftigt sich auch viel mit dem Marxismus, obwohl er nicht in der Kommunistischen Partei oder später in der SED ist. Er möchte aber wohl die Welt im Sinne von Karl Marx ändern. Da der Kapitalismus für ihn die Wurzel allen Übels ist, muß der Mensch das erkennen und dann für die Veränderung bereit sein und sie herbeiführen. Das sollen seine Stücke erreichen. Ein bekanntes Stück dieser Zeit ist der "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny".
1929 heiratet er die Schauspielerin Helene Weigel, die später viele seiner Frauenrollen auf der Bühne spielt. Er hat in Deutschland mittlerweile einen Namen als kritischer Geist. Deshalb ist er den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge. Als Hitler 1933 an die Macht kommt, muß Brecht fliehen. Er kommt über die Tschechoslowakei, Österreich, die Schweiz, Frankreich nach Dänemark, wo er einige Zeit bleiben kann. Dann aber muß er weiter ziehen. Er kommt über Finnland in letzter Minute nach Rußland. Obschon er Marxist ist, bleibt er wegen Stalins Diktatur dort nicht, sondern fährt ins Hauptland des Kapitalismus, den USA.
Im Exil schreibt Brecht seine bekanntesten Stücke. Dazu gehören "Leben des Galilei", "Mutter Courage und ihre Kinder", "Der gute Mensch von Sezuan", "Der kaukasische Kreidekreis", "Furcht und Elend des Dritten Reiches" und "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui". Die beiden letzten setzen sich mit dem Nationalsozialismus in Deutschland besonders direkt auseinander. Der Kampf gegen Hitler spielt auch in den ersten Jahren des Exils eine große Rolle. Er nutzt, wie oben schon belegt, die Zeit, daß er nicht mehr im täglichen Theaterbetrieb ist, aber auch schriftstellerisch.
In Amerika, dem Brecht recht distanziert gegenübersteht, versucht er in Hollywood irgendwie Fuß zu fassen. Dort lernt er auch Charlie Chaplin kennen, von dem selbst er sehr beeindruckt ist. (Brecht:"Es gibt nur zwei große Regisseure. Einer ist Chaplin."). Es kommt auch zur Aufführung einiger Stücke, u.a. "Leben des Galilei" mit dem sehr berühmten Schauspieler Charles Laughton. Allerdings fällt der Erfolg recht mäßig aus.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs will Brecht daher nach Deutschland zurück. Das übrigens um so mehr, als er vor einen Ausschuß muß, der sich "House Committe of Un-American Activities" nennt. Da der Kalte Krieg zwischen Ost und West begonnen hat, wird in den USA von bestimmten Kreisen auf Leute Jagd gemacht, die mit dem Gegner, also der Sowjetunion sympathisieren könnten. Da Brecht als Marxist gilt, ist es kein Wunder, daß er zum Verhör muß. Er macht dieses zur Farce, wird trotzdem freigesprochen. Anschließend allerdings verläßt er schleunigst die USA (1947).
Ursprünglich wollte er wohl nach Westdeutschland. Er bekommt aber keine Einreisegenehmigung für die Westzonen im besetzten Deutschland. Darum fährt er dann nach Ostberlin, wo er mit offenen Armen empfangen wird. Man macht ihn zum Generalintendanten des Deutschen Theaters. Brecht kann nun mit einer eigenen Bühne seine Ideen vom Theater und vom Theaterspielen in die Praxis umsetzen. Er bleibt aber dem SED-Staat sehr reserviert gegenüber. Zum einen erwirbt er 1950 die österreichische Staatsbürgerschaft, zum anderen kritisiert er immer wieder direkt oder indirekt die DDR und ihr System samt Führung. Besonders deutlich wird das beim Aufstand am 17. Juni 1953. Er rät dem Regime: "Wäre es da nicht einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes." Ungeachtet dessen bleibt Brecht aber in der DDR und stirbt dort auch in Ostberlin am 14. 08. 1956.
Brecht gehört zu den am meisten gespielten Autoren in deutschen Theatern. Auch in der Schule wird er häufig besprochen.
2. Brechts Theatertheorie
Als nächstes möchte ich erst einmal zitieren, was Brecht selbst über seine Form des Theaters gesagt hat. Er nennt sie "episch" und stellt sie der überlieferten, der "dramatischen" Form gegenüber. Dabei grenzt er sich vor allen Dingen wohl von Schiller ab, den er als einen der Hauptvertreter der "dramatischen" Form sieht. Nicht umsonst hat Brecht Schiller etwas spöttisch als den "Moraltrompeter von Säckingen" bezeichnet.
Im Grunde erklärt sich der Zitattext von selbst. Brecht möchte einfach, daß die Leute einen kühlen Kopf haben, wenn sie das Theater verlassen. Nur so können sie seine gewollten Veränderungen der Gesellschaft planen und in Angriff nehmen:
"Dramatische Form des Theaters      Epische Form des Theaters

Die Bühne "verkörpert" einen Vorgang    sie erzählt ihn
Verwickelt den Zuschauer in eine Aktion  macht ihn zum Betrachter,
und                                        aber
verbraucht seine Aktivität               weckt seine Aktivität
ermöglicht ihm Gefühle                 erzwingt von ihm Entschei-
                                                       dungen
vermittelt ihm Erlebnisse                vermittelt ihm Kenntnisse

der Zuschauer wird in eine Handlung     er wird ihr gegenübergesetzt
hineinversetzt
es wird mit Suggestion gearbeitet         es wird mit Argumenten ge-
                                                        arbeitet

die Empfindungen werden konserviert     bis zu Erkenntnissen ge-
                                                     trieben
der Mensch wird als bekannt voraus-      der Mensch ist Gegenstand
gesetzt                                          der Untersuchung
der unveränderliche Mensch             der veränderliche und
                                              verändernde Mensch
Spannung auf den Ausgang              Spannung auf den Gang
eine Szene für die andere                jede Szene für sich
die Geschehnisse verlaufen linear         in Kurven
natura non facit saltus                   facit saltus
die Welt, wie sie ist                    die Welt, wie sie wird
was der Mensch soll                    was der Mensch muß
seine Triebe                          seine Beweggründe
das Denken bestimmt das Sein            das gesellschaftliche Sein
                                          bestimmt das Denken

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Der Zuschauer im dramatischen Theater sagt: Ja, das habe ich auch schon gefühlt. - So bin ich. - Das ist nur natürlich. - Das wird immer so sein. - Das Leid dieses Menschen erschüttert mich, weil es keinen Ausweg für ihn gibt. - Das ist große Kunst: da ist alles selbstverständlich. - Ich weine mit den Weinenden, ich lache mit den Lachenden.
Der Zuschauer des epischen Theaters sagt: Das hätte ich nicht gedacht. - So darf man es nicht machen. - Das ist höchst auffällig, fast nicht zu glauben. - Das muß aufhören. - Das Leid dieses Menschen erschüttert mich, weil es einen Ausweg für ihn gäbe. - Das ist große Kunst: da ist nichts selbstverständlich. - Ich lache über den Weinenden, ich weine über den Lachenden." (Brecht)
Wie das nun gespielt werden soll, daß sich der Zuschauer auch so verhält, das zeigen Brechts Ausführungen in der sogenannten "Straßenszene". Brecht hat ja immer nicht nur geschrieben, sondern war auch darum bemüht, wie Kapitel 1 schon gezeigt hat, seine Stücke auch in seinem Sinne aufgeführt zu sehen.
Brecht sagt, daß die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen des 19. und 20. Jahrhunderts (Industrialisierung, Entstehen der bürgerlichen Gesellschaft, Kapitalismus, soziale Frage) neue Theaterstoffe brauchen und diese wiederum neue Spielformen.
In der "Straßenszene" soll der Augenzeuge eines Verkehrsunfalls Zuschauern zeigen, wie das Unglück geschah. Sein Publikum kennt das Geschehen nicht, soll aber in die Lage versetzt werden, sich eine eigene Meinung darüber bilden zu können. Derjenige, der nun dieses Unfallereignis vorführt, soll laut Brecht nicht durch besonders gute schauspielerische Leistung glänzen, im Gegenteil, er soll sich also nicht in die Figuren der einzelnen Unfallbeteiligten verwandeln, weil das ja nur Illusion erzeuge, was Brecht nicht will. Er will demnach z.B. wohl nicht, daß die Leute sich in Mitleid mit dem Opfer in irgendeiner Weise ergehen. Für ihn muß das Zeigen des Unglücks eine gesellschaftliche Bedeutung haben, indem ganz nüchtern und praktisch beim Demonstrieren des Geschehens herauskommt, wie der Unfall hätte vermieden werden können, welche Möglichkeiten es dazu gab oder wie die Schuldfrage geklärt werden kann. Deshalb also muß er so gezeigt werden, daß niemanden das Opfer rührt oder den Fahrer beschimpft, sondern daß die Leute sich damit beschäftigen, was man in Zukunft besser machen kann, damit so ein bedauerliches Ereignis sich nicht wiederholt.
Brecht will diesen ganz bestimmten Zweck erreichen, und auf diesen Zweck muß die Spielweise ausgerichtet sein. Brecht spricht in diesem Zusammenhang auch von dem "Verfremdungseffekt". Bei der "Straßenszene" ist das so, daß der normale Bewegungsablauf, wie beispielsweise das Betreten der Straße durch das spätere Opfer, besonders langsam und auffällig (zeitlupenhaft) gezeigt wird. Damit wird es merkwürdig, und jeder erkennt dessen Wichtigkeit. Und um dieses dann noch zu unterstützen, bemüht Brecht dann noch Kommentare und Songs, die er ins Stück einbaut.
Beim "Galilei" kann Brecht aber sein Prinzip nicht durchhalten. Jedenfalls ist es ihm nicht ganz gelungen, zu vermeiden, daß der Zuschauer mitgeht.
3. Stückinhalt
Das "Leben des Galilei" ist ein Schauspiel in 15 Bildern. Die erste Fassung hat Brecht 1938 in Dänemark geschrieben. Dann hat er es in Amerika noch einmal ab 1945 umgearbeitet und eine zweite Fassung erstellt, die in der Form auch meistens auf die Bühne kommt. In Berlin hat er von 1954 an noch einmal daran gearbeitet. Die Titelfigur ist der bekannte italienische Gelehrte Galileo Galilei, der von 1564 bis 1642 gelebt hat.
Wenn ich mich an die Aufführung erinnere, die ich im Wuppertaler Schauspielhaus gesehen habe, so war der erste, sehr starke Eindruck, als der Vorhang hochging, eine abgedunkelte Bühne, deren Decke allerdings wie ein Sternenhimmel funkelte und somit sofort auf den Astronomen Galilei und seine bahnbrechenden Erfindungen hinwies. Dann wurde die Bühne mehr und mehr mit warmem Licht erhellt, und es erschienen Galilei und Andrea Sarti, der Sohn der Hausmeisterin und sein gelehrigster Schüler, und mit ihnen die Lust am Forschen und am Leben. Galilei versucht beides unter einen Hut zu bekommen, denn mit dem Auftreten weiterer Personen wird deutlich, daß Galilei in immerwährenden finanziellen Nöten steckt. Er lebt zu dem Zeitpunkt in Venedig, was zwar den Vorteil hat, daß er in dieser Republik ziemlich frei forschen kann, aber den Nachteil, daß er schlecht bezahlt wird. Ganz frei ist die Forschung allerdings nicht, denn am Schluß der 1. Szene mahnt Galilei den Andrea über einige Themen wie das Weltbild des Kopernikus Stillschweigen zu bewahren, da die Obrigkeit es verbietet, weil sie darin eine Gefahr ihrer Herrschaft sieht.
Wie bedenkenlos Galilei den Nachteil auszugleichen versucht, zeigt Brecht im 2. Bild, wo der Forscher der Republik Venedig das Fernrohr als seine eigene Erfindung übergibt und dafür Geld kassiert, obwohl er die Idee letztlich aus Holland hat.
Anschließend entdeckt Galilei in Szene 3 mit Hilfe des Fernrohres die Richtigkeit des kopernikanischen Weltbildes. Man erfährt auch, daß er wegen der guten Bezahlung nach Florenz als Hofmathematiker der Medici will, die damals die Stadt regierten. Sein Freund und Kollege Sagredo warnt ihn davor, weil die Inquisition dort ihre Fänge ausstrecken kann, aber Galilei glaubt an die Vernunft. Er meint, diese werde sich auf die Dauer durchsetzen.
Wie schwierig sich das aber gestalten kann, zeigt Brecht im nächsten Auftritt. Die Wissenschaftler der "alten" Lehre weigern sich, durch das Fernglas überhaupt zu schauen und stellen somit alles in Frage. Was seine Forschungen anbetrifft, läßt sich Galilei davon nicht beirren. Er bleibt sogar in der Stadt, als die Pest ausbricht, um weiterzuarbeiten.
Im 6. Bild sieht es dann so aus, als hätten Galilei und die Wissenschaft gesiegt. Eine Kommission des Papstes gibt Galilei recht. In dieser Szene wird auch noch besonders herausgestellt, in welchem Zwiespalt die Kirche steckt. Sie will deshalb die Erde als Mittelpunkt, weil Gott den Menschen als sein Ebenbild geschaffen hat und die Erde deshalb als dessen Aufenthaltsort der zentrale Punkt sein muß, um den sich alles dreht. Das Bild endet mit dem Auftreten des Inquisitors, vor dem Galilei sich bezeichnenderweise verbeugt.
In der 7. Szene machen die beiden Kardinäle Bellarmin und Barberini dem Galilei deutlich, daß die Wissenschaft sich der Kirche unterordnen muß. Diesen Anspruch bestätigt dann noch einmal der Kardinal Inquisitor. Die neue Lehre wird verboten.
In Szene 8 diskutiert Galilei mit einem Mönch. Sie sprechen über die Auswirkung seiner Entdeckungen. Der Mönch meint, daß man die einfachen Leuten, die so hart arbeiten müßten, nicht verwirren solle. Sie würden nur den Glauben an den Himmel verlieren und könnten dadurch ihr Schicksal auf Erden noch schlechter ertragen. Hier wird auch wieder der Zwiespalt bei Galilei deutlich. Auf der einen Seite der Wunsch nach einem guten Leben, auf der anderen Seite die Erkenntnis, daß die Vernunft, an die er glaubt, nur siegen kann, wenn man sich für sie einsetzt.
Galilei schweigt allerdings 8 Jahre lang. Erst als er im 9. Bild erfährt, daß der Kardinal Barberini neuer Papst werden wird, nimmt er seine Forschungen wieder richtig auf, denn Barberini gilt als ein Freund der Wissenschaften. Wieder sieht man in dieser Szene den zwiespältigen Menschen Galilei. So schätzt er die "Tröstungen des Fleisches" und spricht vom "Genießen" als einer "Leistung", so ist ihm auch die "Forschung eine Wollust". Und obwohl er sich im Gespräch mit dem reichen Ludovico, der Galileis Tochter Virginia heiraten will, nach dieser Diskussion aber Abstand davon nimmt, so daß das private Glück Virginias zerstört wird, obwohl er sich in diesem Wortgefecht der Verantwortung der Wissenschaft bewußt ist, kommt für ihn doch nicht in Betracht, dafür sterben zu wollen.
Die 10. Szene zeigt dann, welche Auswirkungen Galileis neue Lehre haben könnte. In den Gesängen einer Jahrmarktstruppe wird die Welt als Folge aus Galileis Lehre auf den Kopf gestellt, wo sich beispielsweise die Herrin um die Dienstmagd dreht.
Nach diesem Bild war in der Aufführung die Pause. Danach erlebte man eine andere Bühne und fast andere Personen. Vorbei war es mit der Lebendigkeit und Wärme. Man schaute auf leere Regale und zugedeckte Instrumente. Richtig Kälte konnte man auch wegen des Lichtes empfinden. Galilei war nur noch ein Zerrbild seiner selbst. So lebensfreudig, wie er vorher war, so krank, alt, gebrochen wirkte er jetzt mehr und mehr. Ebenso wie Virginia, die ihn betreute und für die Kirche überwachte.
Es wird deutlich, daß die Inquisition gesiegt hat. Sie lädt zum Verhör nach Rom. Die folgende Szene ist dann eine der berühmtesten für die Wirkung von Theater. In dem Maße, wie der neue Papst, auf den Galilei so viel Hoffnung gesetzt hat, sich im offiziellen Ornat kleidet, in dem Maße vertritt er auch die offizielle Lehre der Kirche. Aus Angst vor der Folter widerruft Galilei. Seine Schüler sind entsetzt und enttäuscht. Galilei gibt aber zu verstehen, daß nicht jeder von Natur aus ein Held sein kann. Auf den Vorwurf "Unglücklich das Land, das keine Helden hat!" antwortet er treffend: "Unglücklich das Land, das Helden nötig hat."
Im 14. Bild wird Galilei, wie oben schon angedeutet, zu einem halbblinden, sabbernden und schlabbernden Greis. Er ist der Gefangene der Kirche, die allerdings für ein leibliches Wohl sorgt. In diesem Zustand wird er von Andrea besucht, der ihm wiederum Vorwürfe macht. Dessen Meinung ändert sich aber schlagartig, als er erfährt, daß Galilei sein Hauptwerk, die "Discorsi" heimlich zu Ende geschrieben hat. Während Galilei sich als Verräter bezeichnet, der zwar die neue Wahrheit begründet, sie aber gleichzeitig wider besseres Wissen verraten hat, meint Andrea nun, daß sein Verhalten so der Wissenschaft dienlicher gewesen sei. Hauptsache, die "Discorsi" wären entstanden. Galilei gibt sie ihm mit.
Im letzten Bild bringt Andrea sie dann über die Grenze, damit also die neue Lehre in die Welt.
4. Interpretation
Brecht geht es in dem Schauspiel hauptsächlich wohl um die Verantwortung des Wissenschaftlers für die Menschheit. Im 14. Bild der 2. Fassung beispielsweise spricht Galilei davon, daß es für den Wissenschaftler auch so etwas hätte geben können wie den "hippokratischen Eid der Ärzte", wenn er nur den Mut und die Kraft gefunden hätte, standhaft zu seiner Forschung zu stehen. Brechts Meinung nach muß das "Wissen einzig zum Wohl der Menschheit" angewendet werden.

Die Idee zu diesem Schauspiel ist ihm gekommen, als er von der Spaltung des Atoms gehört hat. Die zweite Fassung wurde nach Brechts eigener Aussage dann nötig, weil das "atomarische Zeitalter sein Debüt in Hiroshima" gab. Damit wird die Stoßrichtung der Aussage um die Verantwortlichkeit der Wissenschaftler für ihr Tun nur um so klarer. Jeder Forscher muß sich über die Folgen seines Forschens und Entdeckens Gedanken machen und dementsprechend handeln, damit kein Schaden entsteht. Der Wissenschaftler darf also nicht im Elfenbeinturm sitzen, daß ihm alles egal und nachher die Sintflut kommen kann, er darf allerdings auch nicht in Abhängigkeit seine Wissenschaft gleichsam verkaufen an den Meistbietenden.

Weiterhin kann man in dem Stück sehen, wie verschieden ein Mensch sein kann und daß es seine Aufgabe, das Beste daraus zu machen. Galilei liebt das angenehme Leben, er ist ziemlich selbstsüchtig, z.B. rücksichtslos in der Pestzeit wegen seiner Haushälterin, herzlos gegenüber seiner Tochter wegen der Nichtheirat, gleichgültig gegenüber seinen Schülern, weil er seine Vorbildfunktion verschmäht. Dazu kann man ihn noch als Betrüger wegen der Fernrohrgeschichte, Schleimer wegen der Bittbriefe an die Medici und als Verräter an der Sache der Wahrheit wegen des Widerrufs bezeichnen. Doch dagegen steht der Idealist, der seinen letzten Pfennig für die Forschung opfert, der die eigene Gesundheit aus Spiel setzt in der Pestzeit und später dann das Augenlicht, und der sich zumindest im ersten Teil als Held versucht. Dazu gebührt ihm wegen seiner schonungslosen Kritik an sich selbst zum Schluß Achtung. Anerkennung insgesamt erfährt er schon wegen seiner wissenschaftlichen Leistungen.

Brecht hat eine Figur mit viel Leben geschaffen, die, wie er selber schreibt, "eine Einfühlung erlaubter Art zustande" kommen läßt. Dabei ist interessant, daß er von einer "erlaubten Art" spricht. Meiner Meinung nach begeistert einen der Galilei des ersten Teils. Der Forschungsdrang kommt von der Bühne herüber. Man möchte am liebsten selbst durch ein Fernglas schauen oder irgendeines der elementaren Experimente nachvollziehen. Brecht läßt den Galilei auch sehr, sehr anschaulich erklären. Seine Titelfigur ist dazu noch mit Witz und Schlagfertigkeit ausgestattet.

Nach der Pause löst man sich dann von dieser Figur. Die Einfühlung verläßt einen trotzdem nicht ganz und gar. Man schwankt so zwischen Mitleid und Verachtung. Es wird aber auch so der Blick für die Hauptaussage frei, daß die Wissenschaft unabhängig von den Launen des einzelnen, der Gesellschaft, des Staates sein muß und nur das Wohl der Menschheit insgesamt im Auge haben darf.

Literatur:
B. Brecht, Gesammelte Werke, Frankfurt 1962
W. Zimmermann, Bert Brecht - Leben des Galilei, Paderborn 1985
C. Hill, Bert Brecht, München 1978
K. Völker, Bert Brecht, München 1978
M. Kesting, Bert Brecht, Hamburg 1959
Kindlers Literaturlexikon, München 1976

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