Letzte Änderung: 31.03.2012

a_rave-wappen

J. Rave
St.-Ursula-Gymnasium Attendorn

Kontakt
 

Hauptseite
Texte zu Deutsch
Texte Geschichte
 Download
Lyrik
Simulation
Publikationen

Archäologie-AG

Geschichte Attendorn

Lehrer-Online

Learnline/Geschichte
Link funktioniert zur Zeit nicht - Umgestaltung

 Geschichte im 16-Meter-Raum

Jüdisches Leben und Sterben in Attendorn
1933-1945

Präsentationen

Klett-Verlag:
Antike
und
Mittelalter
 (CDs)

Filmprojekt
Zunftaufstand

AG-Simulation

Links zu den einzelnen Jahren: 1929  -  1930  -  1931

 

Das politische Leben in Freiburg

Parteien von 1929 - 1933

(Chronik)

I. Einführende Bemerkungen

Diese Arbeit ist eigentlich ohne Anfang und ohne Ende. Sie setzt ein, sie hört auf - unvermittelt. Ein Stück Zeit, ein Abschnitt Geschichte, Parteiengeschichte wurde herausgeschnitten. Die folgenden Seiten sollen das politische Leben einer Stadt zeigen, einer Stadt und ihrer Parteien am Ende der Weimarer Republik. Die Stadt heißt Freiburg, und die großen Ereignisse um sie herum sollen, soweit möglich, unerwähnt oder wenigstens im Hintergrund bleiben. Sie interessieren nur, wenn sie direkt einwirken oder Reaktionen auslösen. Die Wahl, die Breisgaumetropole zum Mittelpunkt zu machen, fiel mehr oder weniger willkürlich aus. Sie wurde einfach durch die Tatsache bestimmt, daß sie die Universität beherbergt, an der ich studiere. Die Zeitspanne allerdings, die diese Arbeit behandelt, ist dagegen bewußt genommen worden. Die Untersuchung, die mehr Chronik ist und dadurch wieder zur Untersuchung wird, beginnt mit der badischen Landtagswahl und mit dem Volksbegehren gegen den Young-Plan im Jahr 1929. Damit ist praktisch die Ausgangslage gegeben. Hier kann das politische Kräftefeld in Freiburg noch vor den kommenden unseligen Ereignissen ausgemessen werden, die schließlich zu der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler geführt haben. An jenem 30. Januar 1933 bricht die Untersuchung ab.

Freiburg ist keine typische deutsche Stadt. Man soll sich also hüten, die Ergebnisse verallgemeinern zu wollen. 0hne dem Folgenden vorwegzugreifen, soll nur soviel gesagt werden, daß die Schwarzwaldhauptstadt nicht mit Industrie gesegnet ist, dafür aber mit einem erzbischöflichen Stuhl. Das Quellenmaterial, auf dem diese Arbeit basiert, war, soweit überhaupt noch vorhanden, relativ leicht zugänglich. Es stapelte sich in der Universitätsbibliothek. Dazu konnte das Staatsarchiv Freiburg noch einige Akten der Staatsanwaltschaft aus den betreffenden Jahren zur Verfügung stellen. Ebenso half das Statistische Amt der Stadt mit dem, was den Krieg überdauert hat....Das Hauptaugenmerk sollte ... auf das politische Leben in Freiburg gerichtet sein, das heißt: auf dem Geschehen also, was die Öffentlichkeit beschäftigte, weil es aus den Parteien in sie drang oder von diesen in sie hineingetragen wurde.

Vorhin war schon erwähnt worden, daß die große Politik, die im Reich geschah, außerhalb des Betrachtungsbereiches liegt. Das bedeutet allerdings nicht, hier wird der Leser jetzt bis zum Erbrechen mit kommunalen Sachfragen gefüttert. Die Gemeindepolitik, die sicher interessante Dinge birgt, ist, da sonst der Rahmen einer Zulassungsarbeit noch mehr gesprengt werden würde, hier nach Möglichkeit nicht in Betracht gezogen worden.

Das Fundament bilden Freiburgs Zeitungen in der Weimarer Zeit, nämlich die sozialdemokratische ''Volkswacht'' (VW), die zentrümliche ''Tagespost'' ( TP) , die deutschnationale "Breisgauer Zeitung" (BZ) und ab November 1931 das nationalsozialistische Kampfblatt "Der Alemanne'' (AL) . Hinzugezogen wurde auch noch die "Freiburger Zeitung" (FZ) , die sich als "farblos" bezeichnete , in Wirklichkeit aber einen starken Rechtskurs steuerte. Das ist gleichsam die "Freiburger Öffentlichkeit" .

 Sie wird hier dargestellt und analysiert. Der Leser wird daher bemerken, daß vier Parteien besonders viel Raum gewidmet wurde. Man hätte sich dann natürlich auf diese politischen Gruppierungen beschränken können. Aber auch die kleineren Parteien - von denen die DDP mit dem "Oberrheinischen Beobachter" und die KPD mit dem Eigenvertrieb "Das Rote Sprachrohr" in der Stadt sogar eine eigene Presse hatten, die in Freiburg aber fast außerhalb der Öffentlichkeit verbreitet wurde und jetzt bruchstückhaft nur noch vorhanden ist - stellen einen Teil des politischen Lebens dar, wenn sie stark öffentlich auftraten , gewissermaßen "Gesprächsstoff" oder " Druckwertes" lieferten, wenn sie im politischen Alltag über ihre eigenen Grenzen und Reihen hinaus aktiv wurden, wenn sie praktisch die "Schallmauer" durchbrechen konnten. Sie sollen nicht unter den Tisch fallen.

II. Statistische Angaben

Vorweg muß gesagt werden: Von der Zeit zwischen 1929 und 1933 gibt es keine Angaben mehr. Sie haben das Jahr 1945 nicht überstanden. So muß sich hier zum großen Teil auf die noch vorhandenen Ergebnisse der Volks- , Berufs- und Betriebszählung vom 16.6.1933 gestützt werden, die unmittelbar nach dem zu behandelnden Zeitraum durchgeführt wurde.(1)

 Die hier vorgefundenen Daten haben auch für die Endjahre der Weimarer Republik insofern eine völlige Gültigkeit, und werden daher auch so gewertet, da in den Jahren von 1929 bis 1933 keine sensationellen Verschiebungen irgendwelcher Art in Freiburg stattgefunden haben. Außerdem werden zum Vergleich, falls dieses möglich ist, jeweils die statistischen Werte aus einem früheren Jahr hinzugezogen.(2)

Die Stadt Freiburg hat im Sommer 1933 eine Wohnbevölkerung von 99122 Einwohnern (1925: 90475).
Wie im gesamten Reich ist der Altersaufbau der Freiburger Einwohnerschaft gekennzeichnet durch die männlichen Kriegsverluste und den Geburtenausfall infolge des Krieges.

Die Einwohner teilen sich auf in 45885 = 46,2% (1925: 41800 = 45,7%) männliche und 53237=53,8% (48675=54,3%) weibliche Personen. Davon sind ledig 53299 (53,8%), verwitwet 6413 (6,8%), verheiratet 38333 (38,6%) und geschieden 1077 (0,8%).
In Freiburg finden wir an erwerbstätigen Menschen, das sind Personen zwischen dem 14. und dem 65. Lebensjahr, 33822 maskulinen Geschlechts (73,7 % aller männlichen Personen) und 40379 femininen Geschlechts (75% aller weiblicher Personen) vor. Über 65 Jahre sind 2923 (6,4%) Männer und 4054 (7,6%) Frauen. (3)
Die Frage nach der Religionszugehörigkeit ergibt folgende Tabelle:

1933     insgesamt          %         m        w

evang.      29740         30,0     14018     15722
kath.       66061          66,6    30068     35933
and.Christ.    359           0,4       154       205
Glaubensjud-. 1138           1,2       547       591
sonst.       1828           1,8      1098      726

 

Die Bevölkerung hat also in den Jahren von 1925 bis 1933 um rund 9000 Personen zugenommen, davon sind rund 3000 protestantischen Bekenntnisses, während etwa 6000 dem katholischen Glauben zuzuzählen sind. Fast genau 2/3 aller Freiburger sind Katholiken und nahezu 1/3 sind Evangelische. Das sind Zahlen, die jedem Zentrumsmann damals das Herz wohl höher schlagen ließen. "Und auf diesen Wahlkreis sind beim Zentrum die Augen des ganzen Landes gerichtet", stellt dann auch der badische Zentrumsführer Dr. Schofer fest. (4) Bemerkenswert ist auch noch, daß gerade in der katholischen Einwohnerschaft die Frauen die Männer um fast 6000 Köpfe übertreffen.

Mitte 1933 gibt es 44954 (45,3%) Erwerbspersonen ,14047 (14,2%) Rentner, Pensionäre und Vermögende und 40121 (40,5%) Angehörige ohne Hauptberuf, darunter 16911 Ehefrauen.

Von den knapp 45000 Erwerbspersonen sind 8135 (18, 1%) zu der Zeit arbeitslos. Wie das statistische Amt mitteilt, gibt diese Zahl ein Bild des Krisentiefs, da der niedrigste Stand der Wirtschaft erst wenige Monate zurücklag. (5)

28401 Erwerbspersonen sind maskuliner Natur. Unter ihnen befinden sich 6323 Arbeitslose. Von den 16553 femininen Erwerbspersonen haben 1812 zur Zeit keinen Broterwerb. Der Anteil der Männer ist bei der Arbeitslosigkeit 3,5 mal so groß wie der der Frauen.

Diese Zahlen decken sich fast mit den Gesamtzahlen des Reiches auf diesem Sektor. Von den 32,3 Millionen Erwerbspersonen sind 26, 4 Millionen tätig und 5, 9 Millionen ohne Erwerb. Bei den Männern sind 16, 1 Millionen beschäftigt und 4, 7 Millionen ohne Beschäftigung. Bei den Frauen finden wir 10, 3 Mill Erwerbstätige und 1, 2 Mill Erwerbslose vor. 18% aller Erwerbspersonen im Reich sind 1933 arbeitslos, dabei viermal soviel Männer wie Frauen. Allerdings ist der Prozentsatz der arbeitenden Frauen in Freiburg höher als im Reichsdurchschnitt.
Die folgende Tabelle soll aufzeigen, zu welcher Wirtschaftsabteilung wieviel Erwerbspersonen gehörten.

Wirtschaftsabt. insgesamt            erwerbstätig       erwerbslos

Land u. Forstw.   1180 (2,6 %)        972 (2,6 %)     208 (2,6 %)

Ind. u. Handwerk 17858(39,7)       12727 (34,7 %)   5131 (63,1 %)

Handel, Verkehr   13515(30,1)       11722 (31,8 %)   1793 (22,0)

öff. Dienst, priv.    8626(19,2)         8000 (21,7)       626 ( 7,7)

Dienstleist.

Häusl. Dienste     3775 ( 8,4)         3398 ( 9,2)       377 ( 4,6)

              100               100            100

 

Besonders auffallend ist hier die hohe Arbeitslosenzahl in Industrie und Handwerk. 0bwohl nur 39,7 % aller Schaffenden in ihnen beschäftigt sind, beträgt die Arbeitslosenquote 63, 1%. Da genaue Arbeitslosenzahlen aus den Vorjahren in Freiburg nicht vorliegen, aber die Arbeitslosenrate 1933 gleich der des Reiches ist und sich in Freiburg in diesen Jahren kein schwerwiegender Firmenbankrott ereignete, die Wirtschaft also nur den normalen Rezessionsprozeß durchmachte, kann man annehmen, so problematisch das natürlich ist, daß sich die Zahl der Erwerbslosen ungefähr den Steigerungen im Reich anpaßt.
Die soziale Schichtung ist ungefähr dieselbe wie 1925. (6)
Aus den Zahlen (s. Original) ist folgendes zu schließen:
a) Die Gruppe der Selbständigen entspricht prozentual dem Reichsdurchschnitt.
b) Die Zahl der mithelfenden Familienmitglieder liegt weit darunter. Die Ursachen sind unbekannt.
c) Es gibt 5% mehr Hausangestellte hier. (Vermögende usw. )
d) Die Beamten sitzen mit 8, 8% gegenüber 4, 6% im Reich in Freiburg verhältnismäßig fest im Sattel.
e) Man zählt doppelt soviel Angestellte in Freiburg. Frauen und Männer halten sich dabei fast die Waage. Die Zahl der noch beschäftigten Angestellten liegt höher als im gesamten Deutschland, besonders bei den weiblichen Angestellten.
f) Die Arbeiterschaft ist in dieser Stadt unterdurchschnittlich vertreten. Die Arbeitslosenquote liegt aber nur 0,1 % unter der des Reiches.
g) Es müssen noch 14047 berufslose Selbständige hinzugerechnet werden, die immerhin 14,2 % der Bevölkerung ausmachen.
Es ergibt sich für Freiburg das Bild einer typischen Verwaltungsstadt mit angeschlossener Universität, Fremdenverkehr und einer Reihe von Pensionären.
Ergänzt wird diese Aussage dadurch, dass 5025 Betriebe mit 1 - 5 Beschäftigten 87,1 % der Gesamtbetriebszahl ausmachen, während es nur 7 Großunternehmen (MEZ, Rhodiaseta usw.) gibt, die allerdings 3713 Personen beschäftigen.
Gewerbeschwerpunkte:
Gewerbeart           Betriebe                Beschäftigte

Einzelhandel:           1538                   4599
Textilindustrie:            35                   2873
Bauwirtschaft           580                   2192
Nahrungs- /Genussmittel   399                   2095
Gaststätten             271                   1899

Das soll als Orientierungsrahmen genügen.       

Weiter geht es nach Jahreszahlen geordnet:

1929

1930

1931

(zurück)