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Die Gartenkeramik aus dem Kloster Ewig bei Attendorn, Kr. Olpe - Neue Erkenntnisse zu Typologie und Herstellung
Christian Bergen, Sebastian Luke, Josef Rave
1 Einleitung
Die Erforschung historischer Gartenanlagen und ihre Architektur steckt teilweise noch in den Kinderschuhen.
Angeregt durch die jüngsten Arbeiten von Martin Salesch zum Barockgarten in Friedrichstal bei Detmold1 und zur Gartenarchäologie in Westfalen2 soll im Folgenden einmal versucht werden, den Themenkomplex “Barockgarten" um eine weitere wichtige Facette zu bereichern: die keramischen Blumenkübel. Diese Blumenkübel dienten seit dem Mittelalter dazu, besonders kostbare, ziermäßig verschnittene oder wetteranfällige Pflanzen deutlicher zur Schau zu stellen und auch besser schützen zu können.3
Zahlreiche Scherben solcher Blumentöpfe wurden auch auf dem Gelände des ehemaligen Augustiner Chorherrenstiftes Ewig gefunden. Im Rahmen von Umbaumaßnahmen wurden dort im Jahre 1988 große Mengen von archäologischem Material, fast ausschließlich Keramik, ohne wissenschaftliche Dokumentation geborgen. Dieser Materialkomplex befindet sich seither weitgehend unbearbeitet im Besitz des Südsauerlandmuseums in Attendorn.4
Durch die freundliche Vermittlung von Herrn Stadtarchivar Höffer wurde dieses Material 1999 der Archäologie-AG des St.-Ursula-Gymnasiums leihweise zur
Verfügung gestellt und wird seither bearbeitet. Besonders intensiv haben sich die Mitglieder der Archäologie-AG der Erforschung der Blumentöpfe aus Kloster Ewig gewidmet. Daher sollen an dieser Stelle erste
Ergebnisse zu Typologie und Herstellung der Blumentöpfe vorgestellt werden.
2 Zur Geschichte des Klosters Ewig
Das Kloster Ewig wird erstmals im 13. Jahrhundert als Adelssitz urkundlich erwähnt. Im Jahre 1420 wurde der Rittersitz Ewig, gemeinsam mit zwei Höfen zu
Listernohl, einer Mühle und einem Bargeldbetrag, durch den Attendorner Bürger Heinrich Weke den Augustinerchorherren zu Neuss gestiftet. Die heute noch sichtbaren Gebäude wurde im Jahre 1726 errichtet und später
wurde das Ostportal durch figürlichen Schmuck ergänzt. Aus der Zeit zwischen 1740 und 1750 ist eine Ansicht des Klosters bekannt, die auch Teile eines Garten erkennen lässt.5 Eine zweite Ansicht zeigt den Garten von Kloster Ewig um das Jahr 1800.6 Nach seiner Säkularisierung wurde das ehemalige Klostergut als hessische Domäne verpachtet und die Kirche abgerissen. Der Komplex wechselte danach noch mehrmals den Besitzer. Heute befindet sich in ihm die Justizvollzugsanstalt Attendorn.
3 Die Blumentöpfe - ein Ausschnitt aus dem Typenspektrum
Das Scherbenmaterial der Gartenkeramik lässt sich im Wesentlichen fünf verschiedenen Gefäßtypen zuordnen. Hinzu kommt noch eine geringe Anzahl von weiteren Fragmenten, die jedoch auf Grund ihrer geringen Größe keine Aussagen über die gesamte Gefäßform zulassen.
Die fünf in Ewig gefundenen Typen lassen sich ganz grob zwei verschiedenen Grundformen zuordnen: Typ 1 weist eine Kübelform auf und die Typen 2, 37 und 58 gehören zu den pokalartigen Blumentöpfen. Typ 49 läßt sich nicht genau zuordnen, da sein Unterteil nicht erhalten ist. Damit überwiegen in Ewig die pokalförmigen Blumentöpfe und damit unterscheidet sich der Fundplatz vom überregionalen Typenspektrum, in dem kübelartige10 und pokalartige11 Blumentöpfe gleich häufig vorkommen. Die scheinbare Dominanz der pokalartiger Blumentöpfe im Fundinventar von Kloster Ewig ist aber möglicherweise auf methodische Gründe zurückzuführen. Schlichte, bemalte Blumenkübel können noch im unbearbeiteten Fundgut verborgen sein, während die Scherben von plastisch verzierten pokalartigen Blumentöpfen auch bei einer oberflächlichen Sichtung entdeckt wurden.
Die von uns als “Typ 1" bezeichnete Gartenkeramik weist eine deutliche Kübelform auf und ist von einer eher rustikalen Gestaltung geprägt. Der
Boden ist an vier Stellen als Wasserablauf mit je einem Loch durchstoßen worden. Der Typ 1 tritt im Fundmaterial von Kloster Ewig in zwei Varianten auf. Die Variante a hat einen massiven, mit am Rand eingeritzten
Herzen verzierten Fuß.
Darüber ist in einem Abstand von wenigen Zentimetern auf dem leicht bauchigen Corpus ein florales, blumenartiges Ornament angebracht. Dieses Ornament ist
beidseitig, symmetrisch ober- und unterhalb einer im Umbruch des Kübels aufgelegten Tonrippe angebracht worden. Nach oben hin schließt der Kübel mit einer ca. 1,5 bis 2cm dicken Randlippe ab, die ebenfalls die
gleiche eingestempelte Herzverzierung wie der Fuß trägt.
Von der Variante a unterscheidet sich die Variante b durch eine unterschiedliche Randverzierung. Statt des eingeritzten Herzmusters ist der Rand mit
aufgelegtem Blütenornament verziert. Der untere Abschluss ist leider nicht erhalten. Darüber hinaus sind beide Varianten bis auf eine Ausnahme identisch. Während die Blüte bei dem floralen Motiv der Variante b als
Doppelspirale wiedergegeben ist, ist die Blüte bei der Variante a durch parallele Rippen dargestellt. Gleichsam en miniature findet sich diese Umsetzung des Blütenmotives auch auf der Randlippe der Variante b!
Im Gegensatz zum kübelförmigen Typ 1 gehört der Typ 2 zur Gruppe der pokalförmigen Blumentöpfe. Der Gefäßkörper ist in drei Zonen gegliedert. Der
Mittelteil weist zwei alternierende Motive auf. Zum einen die Darstellung einer antikisierenden Büste auf einem von Palmwedeln umgebenen Sockel und zum anderen ein strauchartiges Motiv, dessen Spitze plastisch aus
der Gefäßwand herausragt. Diese beiden ?Spitzen" korrespondieren in einem Winkel von 90° mit den beiden rankverzierten Knubben. Ober- und Unterteil sind vom Mittelfeld durch horizontale Leisten abgegrenzt und
sind durch ein eingeritztes, umlaufendes Rankenmotiv verziert. Die kräftige Randlippe ist unverziert. Von innen sind in den Boden vier Löcher gestoßen. Der Fuß ist leider nicht erhalten. Der Typ 2 ist in Kloster
Ewig in einer hellgrauen und einer beigen Farbvariante überliefert.
4 Zur Herstellung der Blumentöpfe - Hinweise auf Serienproduktion
Ein aufschlußreiches Schlaglicht auf die Herstellung der Blumentöpfe vom Typ 1 und 2 wirft eine kleine unscheinbare Scherbe aus dem Fundmaterial von
Kloster Ewig. Die s-förmig geschwungene Scherbe ist durch kräftige horizontale Leisten in zwei Teile gegliedert. Auf der einen Seite trägt die Scherbe das Herzmotiv von der Variante a des Typs 1 und auf der anderen
Seite das Rankenmotiv, das schon vom Typ 2 bekannt ist.
Aus dieser Beobachtung sind weitreichende Schlußfolgerungen für die Herstellung der beschriebenen Blumentöpfe zu ziehen. Zum einen ist damit belegt, dass
Typ 1 und Typ 2 in der gleichen Werkstatt hergestellt wurden. Und zum anderen geben sie auch interessante Einblicke in die Arbeitsweise einer solchen Werkstatt. Die Funde von Kloster Ewig zeigen nämlich, dass die
Werkstätten über ein Repertoire an Stempeln bzw. Modeln verfügten, die auf verschiedenen Gefäßformen miteinander kombiniert werden konnten. Auf diese Weise war es den Werkstätten auf rationelle Weise möglich, ein
vielfältiges Warensortiment anzubieten. Diese Herstellungsweise lässt vermuten, dass die Blumentöpfe nicht für einen konkreten Abnehmer hergestellt, sondern für den allgemeinen Markt produziert wurden.
5 Schlußfolgerungen
Die Analyse der beiden Typen und die daraus gezogenen Rückschlüsse auf die Herstellung gewähren interessante Einblicke in Güte der Ausstattung von
Kloster Ewig. Zuerst: Ein Ziergarten ist Luxus! Aber der Grad des Luxus? lässt sich an Hand der Blumentöpfe noch genauer bestimmen. Die reiche Verzierung und pokalartige Grundform der meisten Blumentöpfe zeigt, dass
es sich dabei um kostbare und teure Stücke handelt. Doch handelt es sich dabei um den Rolls-Royce unter den Blumentöpfen? Vermutlich nicht, da die Ware für Ewig immer noch in Serie produziert wurde und nicht als
Spezialanfertigung, die man mit Wappen und Monogramm für einen ganz bestimmten Auftraggeber herstellte, wie sie beispielsweise aus Ahaus12 und der Sammlung des Kölner Kunstgewerbemuseums13 bekannt sind. Im Kloster Ewig reichte es also augenscheinlich nur für die Mercedes S-Klasse der Blumentöpfe.
6 Literatur
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AHAUS 1992
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Margret Karras (Red.), Bodenfunde aus der Stadt Ahaus, Mittelalterliches und früh-neuzeitliches Leben im Westmünsterland [Ausstellung
Ahaus 8.11.1992 - 13.12.1992], Ahaus 1992.
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ATTENDORN 1958
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Josef Brunabend, Attendorn, Schnellenberg, Waldenburg und Ewig, Münster ²1958.
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ELLING 1995
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Wilhelm Elling, Blumentöpfe aus Stadlohn und Vreden für die Orangerie des Schlosses Ahaus, in: Quellen und Studien zur Geschichte Vredens
und seiner Umgebung III, Eine Aufsatzsammlung, Beiträge des Heimatvereins Vreden zur Landes- und Volkunde 45, Vreden 1995, 65-72.
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KREIS OLPE 1992
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Dieter Tröps (Red.), Der Kreis Olpe in alten Ansichten, Aus der Schriftenreihe des Kreises Olpe, Nr.21, Olpe 1992.
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REINEKING VON BOCK 1986
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Gisela Reineking von Bock, Steinzeug, Kataloge des Kunstgewerbemuseums Köln, Band IV, Köln 31986.
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SALESCH 1999a
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Martin Salesch, Gartenarchäologie in Westfalen, in: Ausgrabungen und Funde in Westfalen-Lippe 9/C, 1999, 231-244.
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SALESCH 1999b
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Martin Salesch, Der Barockgarten in Friedrichstal, die Detmolder Vorstadt und der Fürstentitel, in: Lippische Mitteilungen 68, 1999, 105-118.
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SCHOPF 1988
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Regine von Schopf, Barockgärten in Westfalen, Worms 1988.
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THIER 1995
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Bernd Thier, Tafelfreuden und Sinneslust, Die mittelalterliche und neuzeitliche Trinkkultur im Lichte archäologischer Funde, in: Höffer, Otto
(Red.), Wasser, Wein und Gerstensaft, 1000 Jahre Gastlichkeit im Sauerland, Beiträge und Katalog zur Ausstellung im Kreisheimatmuseum Attendorn, 10.Juni - 10.September 1995, Attendorn 1995,
5-28.
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VOLKSKUNST 1968
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Adelhart Zippelius (Hg.), Volkskunst im Rheinland [Ausstellung Rheinisches Freilichtmuseum Kommern 26.6.-31.10.68 / 1.3.-31.10.69], Düsseldorf
1968.
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Anmerkungen:
1 Salesch 1999b, 105 - 118 2 Salesch 1999a, 231 - 244 3 Schopf, 1988, 146 4 Thier 1995, 5 - 28 5 Attendorn, 1958, 252 - 253
In unmittelbarer Nachbarschaft hat auf der Burg Schnellenberg im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts ein weiterer Barockgarten existiert; Schopf 1988, 190 6 Kreis Olpe 1992, 54
7 Typ 3: Pokalform (2 Farbvarianten); kräftiger, floral verzierter Fuß; unterer Teil des Gefäßkörpers mit kräftigen Rippen verziert; darüber Fries mit musizierenden Putten; Rest von muschelartigem
Motiv sichtbar; Rand nicht erhalten; möglicherweise rillenverzierte Griffknubben. 8 Typ 5: Pokalform mit plastischen Zierelementen; feinverzierter,
profilierter Fuß mit blauer Bemalung; “Einschnürung” nicht erhalten; Gefäßkörper in Verzierungszonen gegliedert: im Unterteil: Netzornament, im Mitteltei: 2 alternierende florale
Ornamente; a) 2 aufgerichtete Zweige an einen blütenförmigen Korpus gelehnt; b) zungenförmiges Motiv aus 2 voneinander abgewandten Palmzweigen; Mittelfeld durch blauen Zierrand
begrenzt, im Oberteil: 2 alternierende florale Elemente; a) 2 Wildblumensträuße an eine große Blume gelehnt; b) zungenförmiges Motiv aus 2 voneinander abgewandten Palmzweigen; kräftige unverzierte Randrippe
9 Typ 4: Boden / Fuß nicht erhalten; Gefäßkörper durch Wulst im Umbruch geteilt, im Oberteil: Puttenfries, im Unterteil: “Sonnenblumen”-motiv; kräftiger, sehr stark profilierter Rand.
10 Ahaus 1992, nr. 105 - 107, Nr. 109 - 111; Reineking von Bock 1986, Nr. 764; Elling 1995, Abb. S. 68 / 69, Abb. S. 71. Der in der Zisterne des Ahauser Schlossgartens gefundene Blumentopf wird
im einschlägigen Katalog als “Pokalartiger Blumentopf” bezeichnet. Da das Gefäß zwar bauchig ist, jedoch keinen Fuß besitzt, wird es an dieser Stelle zu den kübelartigen Gefäßen gezählt, Ahaus
1992, Nr. 105 11 Ahaus 1992, Nr. 104, Nr. 108,; Reineking von Bock 1986, Nr. 765 - 768, Volkskunst 1968, Nr. 268; Elling 1995, Abb. S. 66/67. 12 Ahaus 1992, Nr. 104 - 110
13 Reineking von Bock 1986, Nr. 764 - 765
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